Vor etwas mehr als drei Monaten begann meine 100 Tage Weben Challenge. Die Idee dahinter war nicht, möglichst viele fertige Stücke zu produzieren oder ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Stattdessen wollte ich dem Weben einen festen Platz in meinem Alltag geben und eine Gewohnheit schaffen, die Raum für Kreativität und Experimentierfreude lässt.
Mein Ziel war es, mir jeden Tag mindestens 15 Minuten Zeit zum Weben zu nehmen. Einen überschaubaren Zeitraum, in dem es nicht darum ging, etwas fertigzustellen oder produktiv zu sein. Stattdessen wollte ich Ideen folgen, Materialien ausprobieren, Techniken erforschen und mit den Mitteln arbeiten, die bereits vorhanden waren.
Die ausführlichen Gedanken zum Start der Challenge habe ich bereits hier in einem eigenen Artikel beschrieben. Heute, am Ende der 100 Tage, möchte ich zurückblicken und schauen, was in dieser Zeit entstanden ist, welche Herausforderungen mich begleitet haben und was ich auf diesem Weg gelernt habe.
Was in 100 Tagen entstanden ist
Die 100 Tage waren weniger eine Reihe einzelner Projekte als vielmehr ein fortlaufender kreativer Prozess. Viele Ideen entwickelten sich aus vorherigen Arbeiten, manche Fragestellungen tauchten später in neuer Form wieder auf.
Begonnen hat die Challenge mit eher strukturellen Arbeiten, darunter ein Wellenmuster, das sich mit Rhythmus und Wiederholung beschäftigte. Schon bald folgten Experimente mit verschlungenen Schussfäden, bei denen die Grenzen klassischer Webstrukturen zunehmend aufgelöst wurden.

Relativ früh entstanden außerdem erste Arbeiten auf selbstgebauten runden Webrahmen. Mit Naturmaterialien und handgefärbten Garnen unterschiedlicher Stärke boten sie einen freieren Zugang zum Weben und eröffneten neue gestalterische Möglichkeiten.

Daneben gab es kleinere Ausflüge in andere Bereiche, etwa in die Bandweberei oder das Weben mit Steinen. Nicht jede Idee entwickelte sich zu einer längeren Werkreihe, doch jede brachte neue Erfahrungen und Anregungen mit sich.

Gegen Ende der Challenge kehrte ich erneut zum runden Format zurück. Diesmal entstanden Arbeiten auf Metallreifen aus meinem Fundus, kombiniert mit dickem Makrameegarn und klaren geometrischen Strukturen. Die Grenzen zwischen Weben und Makramee wurden dabei zunehmend fließend.

Zum Abschluss beschäftigte ich mich intensiver mit der Bildweberei. Nach vielen Wochen des Experimentierens stand nun stärker die Frage im Mittelpunkt, wie sich mit Fäden nicht nur Strukturen und Oberflächen, sondern auch Motive und Bildideen gestalten lassen.

Wenn ich heute auf die entstandenen Arbeiten blicke, sehe ich weniger einzelne Werkstücke als eine Sammlung von Erfahrungen, Fragen und Entwicklungsschritten. Jedes Stück markiert einen Abschnitt auf diesem Weg.
Was ich gelernt habe
Mit jedem Tag der Challenge wurden nicht nur neue Arbeiten sichtbar, sondern auch ein tieferes Verständnis für das Material und den Prozess selbst.
Technisch hat sich vor allem gezeigt, wie entscheidend die Fadenspannung für jedes Webstück ist. Schon kleine Unterschiede verändern das gesamte Ergebnis. Ebenso deutlich wurde, wie unterschiedlich sich verschiedene Fasern verhalten. Manche reagieren stabil und berechenbar, andere bringen mehr Unruhe und Zufall ins Gewebe. Eng damit verbunden ist das Verhältnis von Kette und Schuss, das sich als eine der zentralen Grundlagen jeder Arbeit herausgestellt hat.
Auf gestalterischer Ebene hat sich schnell gezeigt, dass nicht jede Idee sich direkt umsetzen lässt. Vieles entsteht erst im Verlauf des Webens selbst. Der Prozess wird damit zu einem ständigen Dialog zwischen Vorstellung und Material. Ich habe dabei gelernt, dass geplantes Arbeiten mir oft leichter fällt als reines intuitives Loslegen, gleichzeitig aber genau dieses Experimentieren wichtige Erkenntnisse hervorbringt. Fehler lassen sich dabei nicht vermeiden. Sie werden entweder Teil des entstehenden Werkstücks oder fließen als Erfahrung in kommende Arbeiten ein.
Besonders wertvoll war für mich der kleine Maßstab der Arbeiten. Diese überschaubaren Formate haben einen geschützten Raum geschaffen, in dem ich Ideen ohne Leistungsdruck ausprobieren konnte. Genau dieser wertfreie Raum des Experimentierens ist für meine Entwicklung im Weben zentral geworden.
Auch persönlich hat mich die Challenge verändert. Ich bin geduldiger geworden und lasse Dinge stärker entstehen, ohne jedes einzelne Stück sofort bewerten zu wollen. Nicht jedes Projekt muss ein fertiges oder „perfektes“ Ergebnis sein. Viel wichtiger wurde für mich die Frage, welche Techniken mich wirklich interessieren und welche ich vertiefen möchte.
So haben sich über die 100 Tage einige Lieblingstechniken herauskristallisiert, die ich künftig weiterverfolgen werde. Gleichzeitig gibt es auch Experimente und spielerische Ansätze, die bleiben dürfen, ohne dass sie zwingend in größere Serien überführt werden müssen. Genau diese Mischung aus Fokus und Freiheit fühlt sich für mich heute wie ein natürlicher Teil meiner Arbeit an.
Herausforderungen auf dem Weg
Auch wenn die 100 Tage klar strukturiert waren, verlief die Challenge nicht gleichmäßig. Immer wieder galt es, das Weben in einen oft vollen Alltag zu integrieren.
Eine der größten praktischen Herausforderungen war die Zeitorganisation. Besonders in intensiven Phasen, etwa während der Arbeit im Färber- und Gemüsegarten, wurde es schwierig, die tägliche Webzeit selbstverständlich einzubauen. Manchmal bedeutete das, bewusst kurze Momente zu nutzen oder das Weben auf den Abend zu verschieben. Selbst auf einer Wochenendreise musste eine Lösung gefunden werden, sodass ein kleiner, transportabler Rahmen Teil der Challenge wurde. Dennoch ist es gelungen, an jedem einzelnen Tag zumindest in irgendeiner Form zu weben.
Neben der Zeit spielte auch der technische Frust eine Rolle. Immer wieder gab es Situationen, in denen das Material nicht wie erwartet reagierte. Zu viele Fadenenden, die sich nur schwer sauber verarbeiten ließen, ein ungünstiges Verhältnis von Kett- und Schussgarn oder Schwierigkeiten beim gleichmäßigen Spannen der Kette, etwa bei der Bandweberei, gehörten dazu. Diese Momente haben den Prozess immer wieder unterbrochen und erforderten Anpassungen oder neue Entscheidungen.



Auf der persönlichen Ebene zeigte sich vor allem ein wiederkehrender innerer Druck. Obwohl die Challenge bewusst als freier Raum für Experiment und Übung angelegt war, musste ich mir regelmäßig in Erinnerung rufen, dass die Ergebnisse nicht bewertet werden müssen. Es ging nicht um Perfektion, sondern um Erfahrung. Lustlosigkeit spielte dabei kaum eine Rolle. Viel häufiger waren es Erschöpfung oder schlicht fehlende Zeit, die den Ablauf beeinflusst haben.
Das führte an einzelnen Tagen zu einem sehr reduzierten Arbeiten, bei dem es vor allem darum ging, das eigene Versprechen an mich selbst einzuhalten. Diese Minimalphasen waren jedoch eher Ausnahmen als Regel. In den meisten Fällen habe ich mich bewusst auf die tägliche Webzeit gefreut.
Auch fehlendes Material oder unerwartete technische Grenzen haben den Prozess immer wieder verändert. Manche Arbeiten mussten abgebrochen oder neu gedacht werden. Gerade diese Situationen haben jedoch oft zu wichtigen Erkenntnissen geführt, die in spätere Projekte eingeflossen sind und den Blick auf Material und Umsetzung geschärft haben.
Meine Lieblingsstücke
Unter den Arbeiten der 100 Tage haben sich im Laufe der Zeit einige klare Favoriten herausgebildet. Es sind nicht unbedingt die komplexesten oder aufwendigsten Stücke, sondern die, die für mich gestalterisch und im Prozess selbst am meisten Bedeutung gewonnen haben.
Eine besondere Rolle spielen dabei die Arbeiten mit verschlungenen Schussfäden. In drei verschiedenen Varianten innerhalb der Challenge habe ich diese Technik ausprobiert und dabei eine große Faszination für die entstehenden, sehr reduzierten und linearen Muster entwickelt. Gerade diese Vereinfachung der Struktur hat für mich eine besondere Klarheit. Sie wirkt ruhig, fast grafisch und gleichzeitig sehr direkt in der Wirkung. Aus dieser Begeisterung heraus habe ich mir inzwischen einen größeren Standwebrahmen angeschafft, um diese Technik künftig weiter auszubauen und vertiefen zu können.

Ebenso wichtig wurden die einfachen Bildwebarbeiten. Hier habe ich mit handgefärbter Schafwolle gearbeitet und sehr reduzierte, klare Formen entwickelt. Diese Arbeiten bewegen sich stärker in Richtung Bild als in Richtung klassischer Webstruktur. Sie haben mir gezeigt, wie viel Ausdruck bereits in wenigen, bewusst gesetzten Elementen liegen kann. Auch diese Richtung möchte ich weiter verfolgen und gestalterisch ausbauen.
Ein drittes Feld bilden die Arbeiten auf runden Metallreifen mit dickem Makrameegarn. Diese Experimente haben eine ganz eigene Leichtigkeit. Sie entstehen ohne großen technischen Aufwand, brauchen wenig Platz und lassen sich sogar nach draußen mitnehmen. Gerade diese Unmittelbarkeit und die Kombination aus klarer Form und spielerischem Arbeiten machen für mich ihren besonderen Reiz aus. Auch hier sehe ich viele Möglichkeiten für Weiterentwicklungen, etwa in Verbindung mit pflanzengefärbten Garnen.
Was alle diese Arbeiten verbindet, ist weniger ihre äußere Komplexität als vielmehr das Gefühl, dass sie einen klaren Weg in meiner gestalterischen Entwicklung markieren. Sie zeigen, welche Richtungen mich langfristig interessieren und welche Formen des Arbeitens ich weiter vertiefen möchte.
Hat sich die Challenge gelohnt?
Ja, die Challenge hat sich auch in diesem Jahr wieder gelohnt. Es war nicht meine erste Teilnahme am #The100DayProject, und dennoch hat sie sich erneut als wertvoller Rahmen für mein Arbeiten erwiesen.
Ich habe im Verlauf der 100 Tage deutlich mehr Routine im Weben entwickelt und mich sicherer im Umgang mit Materialien und Techniken gefühlt. Gleichzeitig sind viele neue Ideen entstanden, von denen ich bereits jetzt weiß, dass sie Potenzial für weiterführende Projekte haben. Auch mein Verständnis für unterschiedliche Materialien hat sich vertieft und mir neue Möglichkeiten im gestalterischen Arbeiten eröffnet.
Besonders wichtig ist für mich jedoch die Art und Weise des Arbeitens selbst geworden. Das Experimentieren ohne Leistungsdruck und ohne den Anspruch, sofort fertige Werke zu schaffen, hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. In diesem Rahmen lässt sich besser erkennen, welche Ideen tragfähig sind, welche sich weiterentwickeln lassen und welche eher im Moment bleiben dürfen. Vor allem aber entsteht Raum dafür, herauszufinden, was mir wirklich Freude macht.
Diese Arbeitsweise möchte ich auch über die Challenge hinaus beibehalten.
Wie es weitergeht
Auch wenn die 100 Tage nun zu Ende sind, fühlt es sich nicht wie ein Abschluss an. Im Gegenteil. Viele der Ideen, die während der Challenge entstanden sind, entwickeln sich gerade erst richtig.
Besonders die Arbeiten mit verschlungenen Schussfäden möchte ich künftig intensiver verfolgen. Bereits während der Challenge ist dafür ein größerer Standwebrahmen eingezogen, auf dem inzwischen die ersten größeren Arbeiten entstanden sind. Das erste Stück einer neuen Serie ist bereits fertig, ein weiteres befindet sich in Arbeit.

Die Serie entsteht ausschließlich aus handgesponnener Wolle in Naturfarben. Schwarz, Weiß und verschiedene Grautöne bilden die Grundlage für einfache lineare Muster, die den Charakter der kleineren Experimente aufgreifen und in ein größeres Format übertragen. Geplant sind mindestens vier Wandbehänge, die jeweils für sich stehen können und sich gleichzeitig zu einer zusammenhängenden Werkgruppe ergänzen.
Darüber hinaus möchte ich den neuen Webrahmen auch für weitere Projekte nutzen. Besonders die Verbindung von einfachen Bildmotiven und pflanzengefärbten Garnen interessiert mich und wird mich in den kommenden Monaten sicherlich weiter begleiten.
Mindestens genauso wichtig wie die größeren Arbeiten bleibt für mich jedoch das Experimentieren im kleinen Format. Die Challenge hat mir gezeigt, wie wertvoll dieser freie Raum für neue Ideen ist. Nicht jede Idee muss sofort zu einem fertigen Werkstück werden. Oft genügt ein kleines Experiment, um herauszufinden, ob ein Gedanke trägt, eine Technik funktioniert oder einfach Freude macht.
Deshalb wird das kreative Ausprobieren auch nach den 100 Tagen ein fester Bestandteil meiner Arbeit bleiben. Vielleicht nicht mehr täglich, aber immer dann, wenn eine neue Idee nach Garn, Webrahmen und ein wenig Neugier verlangt.
