Mit dem heutigen Tag ist die Hälfte geschafft. 50 Tage, an denen ich jeden einzelnen Tag am Webrahmen gesessen habe. Ohne Pause, ohne Ausnahmen.
Was am Anfang nach einer überschaubaren Aufgabe klang, hat sich im Alltag als etwas anderes gezeigt. Dranzubleiben, auch an Tagen mit wenig Zeit oder wenig Energie, hat eine ganz eigene Qualität. Es ist nicht das einzelne Stück, das dabei entsteht, sondern die Summe aus vielen kleinen Arbeitsschritten.
In diesen ersten 50 Tagen ist eine Vielzahl an Proben, Mustern und kleinen Arbeiten entstanden. Unterschiedlich in Material, Aufbau und Technik. Nicht alles davon war geplant, vieles ist im Prozess entstanden.
Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert dieser Zeit. Vielleicht liegt genau darin auch etwas, das sich auf viele kreative Prozesse übertragen lässt. Dranzubleiben, auch ohne fertiges Ergebnis vor Augen.
Ausprobieren statt planen
Ich habe in dieser Zeit vieles ausprobiert. Dinge begonnen, über die ich vorher lange nachgedacht habe, ohne sie umzusetzen. Der feste Rahmen von 15 Minuten pro Tag hat diese Schwelle deutlich gesenkt.
Das kleine Format spielt dabei eine wichtige Rolle. Es erlaubt, schneller anzufangen und ebenso schnell wieder aufzuhören. Nicht jede Idee muss ausgearbeitet werden. Manche bleiben Skizzen, andere entwickeln sich weiter.
Auch der Umgang mit Material hat sich dadurch verändert. Ich war eher bereit, Garn einzusetzen, ohne genau zu wissen, ob das Ergebnis funktioniert. Material zu „opfern“ gehört in diesem Rahmen dazu. Es ist Teil des Prozesses und kein Verlust.
Im Rückblick zeigt sich, dass genau dieses offene Ausprobieren oft der Punkt ist, an dem neue Ideen überhaupt erst entstehen.
Arbeiten mit vorhandenem Material
Ein zentraler Teil dieser ersten 50 Tage war das Arbeiten mit den Materialien, die bereits da sind. Ohne etwas Neues zu kaufen, sondern mit dem, was vorhanden ist.
Ich habe auf unterschiedlichen Grundlagen gewebt. Neben klassischen kleinen Webrahmen auch auf runden Rahmen aus Weidenzweigen, die ich im eigenen Garten schneide. Diese Form bringt noch einmal ganz andere Anforderungen mit sich und eröffnet gleichzeitig neue Möglichkeiten im Aufbau.


Auch bei den Garnen habe ich bewusst variiert. Selbst gesponnene Garne, die teilweise unregelmäßig sind und ihren eigenen Charakter mitbringen. Kammzug, ungesponnen verarbeitet. Dazu pflanzengefärbtes Makrameegarn, das durch Struktur und Farbe ganz anders wirkt als feine Webgarne.
Die Kombination dieser Materialien hat viele der entstandenen Stücke geprägt. Nicht alles hat auf Anhieb funktioniert. Aber genau dieses Ausprobieren war von Anfang an Teil der Idee. Es braucht nicht immer neues Material, um weiterzukommen. Oft reicht ein anderer Blick auf das, was bereits da ist.
Erkenntnisse nach 50 Tagen
Mit der Zeit haben sich aus diesen täglichen Arbeiten einige klare Erkenntnisse ergeben.
Das Arbeiten in kleinen Formaten nimmt viel Druck heraus. Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, gleichzeitig fällt es leichter, Dinge wieder zu verwerfen. Der Anspruch an ein „fertiges“ Ergebnis tritt in den Hintergrund.
Auch der Blick auf das eigene Material verändert sich. Garne, die lange gelegen haben, bekommen plötzlich einen neuen Platz. Kombinationen entstehen nicht aus Planung, sondern im direkten Tun.
Eine weitere Erfahrung ist, wie schnell Hemmschwellen verschwinden. Techniken, die ich bisher aufgeschoben habe, lassen sich im kleinen Rahmen unkompliziert ausprobieren. Der Aufwand ist überschaubar, das Risiko ebenfalls. Viele dieser Beobachtungen lassen sich auch unabhängig vom Weben übertragen. Gerade das Arbeiten in kleinen Schritten verändert den Umgang mit Unsicherheit.
Nicht jede Arbeit führt zu einem Ergebnis, das weiterverwendet wird. Aber jede einzelne trägt dazu bei, ein besseres Verständnis für Material, Aufbau und Wirkung zu entwickeln.
Und genau das zeigt sich nach 50 Tagen deutlich.
Wird es nicht langsam langweilig?
Im Gegenteil. Auch nach 50 Tagen sind die Ideen nicht weniger geworden.
Einige Techniken, die ich in den letzten Wochen im Kleinen ausprobiert habe, möchte ich weiterführen. Dazu gehört unter anderem das Arbeiten mit verschlungenen Schussfäden, das ich auf jeden Fall vertiefen möchte.
Andere Ansätze haben sich dagegen nicht so bestätigt, wie ich es erwartet hatte. Ein Experiment mit einem Bilderrahmen, bei dem das Webstück fest mit dem Rahmen verbunden bleibt, hat für mich nicht die gewünschte Wirkung entfaltet. Solche Versuche gehören dazu und helfen dabei, die eigene Richtung klarer zu sehen.


Gleichzeitig zeichnen sich erste Linien ab. Es gibt Techniken und Materialien, mit denen ich besonders gerne arbeite und die sich auch für größere Stücke eignen würden. Ideen, die sich weiterentwickeln lassen und perspektivisch auch in den Shop finden könnten.
Das bleibt an dieser Stelle noch offen. Im Moment geht es vor allem darum, weiter auszuprobieren und diese Ansätze Schritt für Schritt zu konkretisieren. Vielleicht zeigt sich erst in der zweiten Hälfte, welche dieser Ansätze wirklich Bestand haben.
Die nächsten 50 Tage
Für die kommenden 50 Tage mache ich genau hier weiter.
Der tägliche Rhythmus ist inzwischen selbstverständlich geworden. Die Zeit am Webrahmen gehört dazu und ich merke, wie viel Freude genau darin steckt.
Neue Ansätze bringen immer noch Unsicherheit mit sich. Aber sie hält mich nicht mehr auf. Ich fange an und sehe, was entsteht. Der Anspruch, dass jedes Stück funktionieren muss, ist dabei in den Hintergrund getreten. Es geht nicht darum, sofort ein Ergebnis zu haben, sondern darum, weiterzugehen.
Die zweite Hälfte hat begonnen. Es lohnt sich, solche Projekte anzufangen. Nicht erst, wenn alles durchdacht ist, sondern genau dann, wenn die Idee noch unfertig ist.
Im Tun entsteht, was vorher nur im Kopf war.
Wenn du etwas hast, das dich schon länger begleitet, fang an. Schritt für Schritt. Und wenn du magst, erzähl mir gern davon.
