Nicht jede Faser, die wir in den Händen halten, ist vertraut.
Manche bringen Fragen mit sich. Und ein leises Zögern.
In diesem Beitrag nehme ich dich mit in mein erstes Experiment mit Hundewolle. Ein Material, das mir bisher fremd war und gleichzeitig eine ganz besondere Bedeutung in sich trägt. Zwischen Unsicherheit und Neugier ist dabei ein Garn entstanden, das mehr ist als nur ein neues Projekt.
Neuland betreten
Es war nicht meine Idee, Hundewolle zu verspinnen.
Der Impuls kam von meiner Freundin Sabine, nachdem ich ihr erzählt hatte, wie sehr mich das Spinnen inzwischen beschäftigt. Wie viel Ruhe darin liegt. Und wie faszinierend es ist, aus losen Fasern ein Garn entstehen zu lassen.
Sie erzählte mir von ihrem Wunsch, ein Häkelgarn aus der Wolle ihres Hundes herstellen zu lassen. Ein weißer Großspitz namens Smilla, mit eigenem Instagram Account.
Die Wolle gesammelt über die Zeit, verbunden mit Erinnerungen. Etwas sehr Persönliches. Doch sie hatte niemanden gefunden, der diesen Auftrag übernehmen wollte. Und dann stand die Frage im Raum, ob ich es versuchen würde.
Mein erster Gedanke war nicht Begeisterung, sondern Zurückhaltung. Hundewolle ist für mich ein völlig neues Material. Anders als alles, was ich bisher verarbeitet habe. Ich wusste nicht, wie sie sich verhalten würde. Ob sie sich überhaupt gut verspinnen lässt.
Dazu kam ein zweiter, fast noch schwerer wiegender Gedanke. Vertrauen.
Die Wolle eines geliebten Tieres abzugeben, bedeutet auch, Verantwortung weiterzugeben. Und genau diese Verantwortung hätte in diesem Moment bei mir gelegen.
Wir haben uns deshalb bewusst für einen vorsichtigen Einstieg entschieden. Eine kleine Probe sollte den Anfang machen. Ich würde sie verspinnen, ihr das Ergebnis zurückschicken und dann könnten wir beide in Ruhe entscheiden, ob wir diesen Weg weitergehen wollen.
Ein erster Schritt. Noch ohne Sicherheit, aber mit Neugier.
Ein ungewohntes Ausgangsmaterial
Die Wolle wurde über einen längeren Zeitraum hinweg ausgekämmt, vor allem während des Fellwechsels im Frühjahr. Es handelt sich also nicht um geschorene Wolle, sondern um lose Unterwolle, die sich nach und nach angesammelt hat.
Eine Bedingung hatte ich im Vorfeld: Die Wolle musste bereits gewaschen bei mir ankommen.
Das hatte einen ganz praktischen Hintergrund, denn in meinem Alltag spielt auch eine Hundehaarallergie eine Rolle. Ich wollte kein Risiko eingehen und habe deshalb von Anfang an entschieden, nur mit vorgewaschenem Material zu arbeiten. Im weiteren Verlauf hat sich gezeigt, dass das gut funktioniert hat.
Ganz problemlos war die Ausgangslage trotzdem nicht.
Beim Waschen war die Wolle leicht verfilzt, was uns beide zunächst verunsichert hat. Die Frage stand im Raum, ob sich daraus überhaupt noch ein spinnfähiges Material entwickeln lässt.
Ich habe mich dennoch darauf eingelassen und begonnen, die Fasern vorsichtig von Hand auseinanderzuzupfen. Schritt für Schritt, ohne Druck. Anschließend habe ich die Wolle kardiert, um sie wieder in eine gleichmäßigere Form zu bringen.


Dabei zeigte sich schnell eine Eigenschaft, die mich überrascht hat.
Die Fasern fühlen sich deutlich weicher an als die Schafwolle, mit der ich bisher gearbeitet habe. Fast schon luftig. Fluffig im Griff, mit einer ganz eigenen Leichtigkeit.
Ein Material, das sich vertraut und fremd zugleich anfühlt.
Das Spinnen, neu und doch vertraut
Bevor überhaupt an Spinnen zu denken war, stand für mich ein weiterer neuer Schritt an.
Ich habe die Wolle zum ersten Mal mit meinen Handkarden bearbeitet.
Das war ungewohnter, als ich erwartet hatte. Die Arbeit ist eher kleinteilig, fast ein wenig störrisch. Die Fasern wollten sich nicht immer so fügen, wie ich es mir vorgestellt habe. Und auch körperlich war es spürbar. Nach einiger Zeit haben sich feine Striemen auf meinen Händen gezeigt. Ein Zeichen dafür, dass mir hier noch Routine fehlt. Ein Bereich, mit dem ich mich in Zukunft sicher noch intensiver beschäftigen werde.
Trotzdem ist es mir gelungen, spinnbare Fasern herzustellen.
Kein perfektes Kardenband, aber ein Material, mit dem ich weiterarbeiten konnte.
Einen Teil davon habe ich pur am Spinnrad versponnen.
Und genau hier kam die erste echte Überraschung.

Entgegen meiner Erwartungen ließ sich die Faser erstaunlich gut spinnen. Ruhig, gleichmäßig genug, ohne größere Widerstände. Im direkten Vergleich zu den Schaffasern, mit denen ich bisher gearbeitet habe, war der Unterschied kleiner als gedacht. Lediglich die Struktur des Garns ist etwas unregelmäßiger geworden. Hier und da kleine Knötchen und Verdickungen, was vor allem daran liegt, dass die Fasern nicht so gleichmäßig vorbereitet waren wie die Kammzüge, die ich sonst verwende.
Vorab hatte ich mehrfach gelesen, dass Hundewolle oft mit anderen Fasern gemischt werden muss, um sie gut verspinnen zu können. Diese Erfahrung habe ich in diesem Fall nicht gemacht. Die Faser hat auch für sich allein funktioniert.
Trotzdem habe ich mich – auch auf Wunsch meiner Freundin – für zwei unterschiedliche Wege entschieden.
Ein Teil der Hundewolle wurde pur versponnen und anschließend mit einem ebenfalls pur gesponnenen, grauen Merinofaden verzwirnt.
Der andere Teil wurde bereits vor dem Spinnen mit dieser Merinofaser zusammen kardiert, als Mischung verarbeitet und anschließend mit sich selbst verzwirnt.

So sind zwei ganz unterschiedliche Garne entstanden.
Bei der ersten Variante bleibt der Charakter der Hundewolle deutlich sichtbar.
Bei der zweiten verbindet sich beides stärker zu einer Einheit, weicher, ausgeglichener im Gesamtbild.

Beide haben ihren eigenen Reiz.
Und ich bin selbst gespannt, welche Variante am Ende mehr anspricht.
Das Ergebnis, ein Garn mit Charakter
Nach dem Spinnen habe ich die fertigen Garne noch gewaschen und getrocknet. Spätestens hier zeigt sich oft, wie sich ein Garn wirklich anfühlt.

In diesem Fall: überraschend weich.
Fast schon luftig, mit einer angenehmen Leichtigkeit.
Gleichzeitig ist es nicht so gleichmäßig geworden, wie ich es von meinen bisherigen Garnen kenne. Kleine Verdickungen, feine Unregelmäßigkeiten ziehen sich durch den Faden. Genau das macht für mich aber den Reiz von handgesponnenem Garn aus. Es wirkt lebendig. Nicht perfekt im klassischen Sinn, sondern voller kleiner Überraschungen.
Die beiden entstandenen Stränge habe ich zurück an meine Freundin geschickt.
Sie möchte daraus kleine Häkelproben anfertigen und in Ruhe entscheiden, welche Variante ihr besser gefällt.
Für mich persönlich hat die erste Version einen besonderen Reiz.
Die verzwirnten, unterschiedlich gefärbten Fäden lassen den Anteil der Hundewolle deutlicher sichtbar werden. Das Garn wirkt dadurch lebendiger, fast erzählerisch.

Aufgrund seiner Weichheit kann ich es mir gut in einem Schal vorstellen.
Ein Gewebe, das nah an der Haut liegt und genau diese Leichtigkeit trägt.
Fazit, mehr als nur ein Experiment
Was als vorsichtiger Versuch begonnen hat, ist für mich zu einer sehr stimmigen Erfahrung geworden.
Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Material war groß.
Zu viele Unbekannte, zu viel Verantwortung. Und doch hat sich genau darin etwas Wertvolles gezeigt.
Es ist möglich, aus etwas, das oft als Nebenprodukt oder sogar als Abfall betrachtet wird, ein eigenständiges, bleibendes Material zu schaffen.
Die Arbeit an dieser kleinen Probe hat mir viel Freude gemacht.
Nicht nur handwerklich, sondern auch in dem Gedanken, dass hier etwas sehr Persönliches entsteht. Eine Verbindung zwischen Mensch und Tier, die auf eine neue Art sichtbar wird.
Ob daraus am Ende ein tragbares Stück entsteht oder ein Objekt für die Wohnung, spielt fast keine Rolle. Wichtiger ist die Bedeutung, die darin liegt.
Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass es sich lohnt, Neuland zu betreten. Selbst dann, wenn man sich am Anfang noch nicht ganz sicher ist.
Ich nehme aus diesem ersten Versuch vor allem eines mit: Neugier.
Und die leise Idee, dass dies nicht mein letztes Garn aus Hundewolle gewesen sein wird.
