Aus einem Kammzug wird nicht einfach durch Drehen ein fertiges Wollgarn. Zwischen den vorbereiteten Fasern und dem Garn, das später auf dem Webrahmen liegt oder zu einem anderen textilen Werkstück verarbeitet wird, liegen mehrere Arbeitsschritte. Jeder davon verändert die Wolle ein wenig und beeinflusst, wie sich das fertige Garn anfühlt und wie es sich verarbeiten lässt.
In meiner Werkstatt beginnt dieser Weg am Spinnrad. Doch bevor sich die ersten Fasern miteinander verdrehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf das Material und darauf, was beim Spinnen eigentlich geschieht.
Schritt 1: Den Kammzug und seine Eigenschaften sichten
Ein Kammzug ist bereits vorbereitetes Fasermaterial. Die einzelnen Fasern liegen weitgehend parallel zueinander und bilden einen langen, zusammenhängenden Strang. Dadurch lässt sich die Wolle gut dosieren und gleichmäßig ausziehen.
Je nach Wollart unterscheiden sich die Fasern in ihrer Länge, Feinheit und Kräuselung. Merinowolle fühlt sich beispielsweise anders an als die Wolle nordischer Schafrassen. Manche Fasern sind weich und fein, andere kräftiger und griffiger. Diese Eigenschaften bringen sie von Natur aus mit und sie bleiben auch beim Spinnen spürbar.
Für mich ist das Material deshalb mehr als nur der Ausgangspunkt für ein Garn. Es bestimmt mit, welche Möglichkeiten sich beim Spinnen ergeben und welchen Charakter das fertige Garn später haben wird.
Schritt 2: Den Kammzug aufteilen
Wenn ich eine größere Menge Wolle bestelle, teile ich den Kammzug zunächst in Portionen von jeweils 50 g auf. Diese wickle ich zu kleinen Bällen und bewahre sie so auf, bis ich sie zum Spinnen brauche.

Für ein neues Garn nehme ich einen dieser Bälle und teile den Kammzug nochmals in kleinere Portionen. Ich habe festgestellt, dass ich lieber mit etwas weniger Fasermaterial in der Hand arbeite. Das erleichtert mir die Kontrolle darüber, wie viel Wolle ich beim Spinnen ausziehe und wie gleichmäßig mein Faden wird. Die Vorbereitung nimmt zwar etwas Zeit in Anspruch, hilft mir aber dabei, anschließend in Ruhe am Spinnrad zu arbeiten.

Schritt 3: Am Spinnrad – aus Fasern wird ein Faden
Beim Spinnen werden die ausgezogenen Fasern miteinander verdreht. Die Drehung sorgt dafür, dass sie sich gegenseitig halten und ein zusammenhängender Faden entsteht.
Dabei müssen zwei Dinge aufeinander abgestimmt werden: die Menge der zugeführten Fasern und der Drall, der in den Faden gelangt. Wird zu wenig gedreht, können sich die Fasern leicht wieder voneinander lösen. Zu viel Drehung kann das Garn dagegen hart, lebhaft oder stark verdrillt erscheinen lassen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Zusammenspiel von Füßen und Händen. Mit dem Fußpedal reguliere ich die Drehgeschwindigkeit des Spinnrads, während meine Hände kontrollieren, wie viel Fasermaterial freigegeben und ausgezogen wird. Beides muss miteinander harmonieren, damit ein gleichmäßiger Faden entsteht. Das hat mich einiges an Übung gekostet, Aber nach einer Weile läuft läuft diese Koordination ganz unproblematisch und von alleine.
Auch die Spinnrichtung ist wichtig. Ich spinne meine Einzelfäden, die auch Singles genannt werden, grundsätzlich nach rechts. So kann ich sie später in die entgegengesetzte Richtung miteinander verzwirnen. Wichtig ist dabei, dass alle Einzelfäden, die ich miteinander verarbeiten möchte, in derselben Richtung gesponnen sind. Bei mir ist das also immer die Rechtsrichtung.

Ich spinne so lange, bis die vorbereiteten 50 g Wolle auf der Spule liegen. Anschließend wechsle ich auf eine zweite Spule und wiederhole den Vorgang mit einer weiteren Portion desselben Kammzugs. So entstehen zwei Einzelfäden, die ich später miteinander weiterverarbeiten kann.
Schon beim Spinnen werden Unterschiede sichtbar: Ein Garn kann gleichmäßig und glatt werden, aber auch bewusst unregelmäßig bleiben. Kleine Abweichungen in der Stärke gehören zum handgesponnenen Garn dazu und machen einen Teil seines Charakters aus.
Schritt 4: Zwirnen – aus Einzelfäden wird ein Garn
Für mich besteht ein Garn immer aus mehreren miteinander verzwirnten Fäden. Das hat vor allem zwei Gründe: die Reißfestigkeit und die Stabilität des späteren Gewebes.
Wenn ich meine handgesponnene Wolle zum Weben verwenden möchte, muss sie einiges aushalten. Besonders als Kettfaden wird das Garn beansprucht, denn es steht beim Weben unter Spannung und muss auch der Bewegung beim Anschlagen des Schusses standhalten. Ein verzwirntes Garn ist dafür in der Regel besser geeignet als ein Einzelfaden.
Ein weiterer Grund ist die Drehung, die beim Spinnen in den Einzelfaden gelangt. Ein Single hat einen Drall in eine Richtung. Dieser kann sich beim späteren Verarbeiten bemerkbar machen und dazu führen, dass sich das Gewebe verzieht oder verformt. Durch das Verzwirnen in die entgegengesetzte Richtung wird ein Teil dieses Dralls ausgeglichen. Das Garn wird dadurch stabiler und ausgeglichener.
Für das Zwirnen wechsle ich am Spinnrad auf eine dritte Spule. Die beiden Spulen mit den gesponnenen Einzelfäden stelle ich in die dafür vorgesehene Halterung meines Spinnrads. So können sich beide Fäden gleichmäßig und parallel abwickeln. Ich lasse sie anschließend durch meine Finger gleiten und führe sie gemeinsam zur dritten Spule. Dabei werden die beiden Einzelfäden miteinander verdreht und ergeben nach und nach mein fertiges Garn.

Auch beim Zwirnen ist das Zusammenspiel von Spinnrad und Händen wichtig. Ich achte darauf, dass beide Fäden gleichmäßig zugeführt werden und die Zwirndrehung gleichmäßig im Garn verteilt ist. Am Ende habe ich einen stabilen, zweifädigen Faden, den ich anschließend für meine Webarbeiten weiterverarbeiten kann.
Schritt 5: Das Garn darf sich erst einmal ausruhen
Nach dem Zwirnen bleibt das Garn zunächst für ein paar Tage auf der Spule. Es darf sich in dieser Zeit etwas entspannen, bevor ich es weiterverarbeite.
Anschließend wickle ich das Garn zu einem Strang. Dafür habe ich mir eine einfache Vorrichtung aus zwei Zapfen gebaut, die ich im Abstand von 75 cm an meinem Tisch befestigen kann. Das Garn wird um diese Zapfen gewickelt, sodass eine gleichmäßige Schlaufe entsteht.

Dabei zähle ich die Wicklungen. Zusammen mit dem Abstand der Zapfen kann ich so die Länge des fertigen 100-g-Stranges bestimmen. Diese Angabe ist für mich beim Planen eines Gewebes durchaus wichtig. Ich weiß dadurch, wie viel Garn mir tatsächlich zur Verfügung steht und kann besser einschätzen, welche Menge ich für Kette und Schuss einplanen kann.
Ist der Strang fertig gewickelt, verknotete ich ihn an drei Stellen. Dadurch bleibt das Garn in seiner Ordnung und kann sich beim anschließenden Waschen und gegebenenfalls auch beim Färben nicht miteinander verheddern.
Damit ist aus dem ursprünglichen Kammzug Schritt für Schritt ein fertiger Garnstrang geworden. Bevor er allerdings zum Weben eingesetzt werden kann, bekommt er noch seine abschließende Behandlung.
Schritt 6: Waschen und Trocknen – das Garn findet seine Form
Nach dem Wickeln kommt der Strang ins Wasserbad. Dafür gebe ich etwas Wollwaschmittel in handwarmes Wasser und lasse die Wolle etwa eine halbe Stunde ganz in Ruhe darin liegen. In dieser Zeit kann sich das Garn entspannen und die Drehung etwas ausgleichen. Der Drall springt danach nicht mehr so stark zurück und das Garn wirkt ausgeglichener.
Anschließend spüle ich den Strang noch zweimal mit klarem Wasser. Dabei gehe ich vorsichtig mit der Wolle um. Ich drücke das Wasser nur sanft aus, damit die Fasern nicht unnötig bewegt werden und verfilzen.
Für den nächsten Schritt gehe ich mit dem nassen Strang nach draußen auf den Balkon. Dort schleudere ich das Wasser von Hand aus dem Garn. Dafür halte ich den Strang an einer Stelle fest und drehe ihn kräftig, sodass das Wasser durch die Bewegung herausgeschleudert wird.
Danach kommt der Strang locker über den Wäscheständer und darf in Ruhe vollständig trocknen.

Wenn das Garn trocken ist, drehe ich den Strang noch einmal ordentlich zurecht und versehe ihn mit einem Anhänger. Darauf notiere ich die verwendete Wollart und, wenn ich sie ermittelt habe, auch die Länge des Garns.
Damit ist der Weg vom Kammzug zum fertigen handgesponnenen Garn abgeschlossen. Aus lose vorbereiteten Fasern ist ein Garn geworden, das nun bereit für seinen nächsten Einsatz ist.

Vom Garn zum Gewebe
Für mich endet der Weg mit der Wolle nicht beim fertigen Garn. Ich spinne und verzwirne meine Wolle selbst und verarbeite sie anschließend auch selbst weiter. Spinnen und Weben gehören für mich zusammen und sind beide Teil meiner Arbeit in der Werkstatt.
Aus dem Garn entsteht bei mir ein Gewebe, und damit beginnt der nächste Teil des Weges. Wie aus den einzelnen Fäden Kette und Schuss werden, wie ich die Garne für ein Gewebe auswähle und was beim Weben passiert, zeige ich im nächsten Artikel dieser kleinen Serie.
Denn zwischen dem ersten Kammzug und einem fertigen handgewebten Stück liegen noch einige weitere Schritte.
