Jedes Jahr nehme ich mir für den Sommer eine ganze Menge vor. Neue Blogartikel schreiben, Ideen für den Shop umsetzen, Projekte fertigstellen und endlich all die Dinge angehen, die während der restlichen Monate liegen geblieben sind. Schließlich sind die Tage lang, ich habe meist gute Laune, viel Energie und verbringe jede freie Minute draußen. Eigentlich müssten die Sommermonate doch die produktivsten des Jahres sein.
Und trotzdem passiert jedes Jahr das Gleiche. Mitten im Sommer stelle ich fest, dass bei Wildfarbendesign erstaunlich wenig Sichtbares passiert.
Zumindest, wenn ich meine Arbeit ausschließlich an fertigen Produkten, veröffentlichten Blogartikeln oder neuen Ideen im Shop messe.
Dieses gefühlte Sommerloch begleitet mich schon seit vielen Jahren. Interessanterweise fühlt es sich für mich aber gar nicht nach einem echten Problem an. Im Gegenteil – ich genieße diese Jahreszeit sehr. Trotzdem bleibt immer wieder die Frage: Wo ist eigentlich die ganze Zeit geblieben?
In diesem Werkstattgedanken möchte ich diesem Gefühl einmal genauer nachgehen. Vielleicht ist der Sommer für kreative Menschen gar keine Zeit, in der möglichst viel entstehen muss. Vielleicht arbeitet er einfach nach anderen Regeln. Und vielleicht ist das, was ich bisher als Kreativloch betrachtet habe, in Wirklichkeit ein ganz wichtiger Teil meines kreativen Prozesses.
Ich nehme dich mit durch meine ganz persönlichen Sommerbeobachtungen und die Erkenntnis, dass Kreativität möglicherweise ebenso ihre Jahreszeiten hat wie die Natur selbst.
Ein ganz normaler Sommertag
Während ich diesen Artikel schreibe, stecken wir noch mitten im Sommer. Vielleicht ist das der beste Zeitpunkt, um einmal genauer hinzuschauen, womit ich meine Zeit eigentlich verbringe.
Meine Sommertage beginnen meist mit einem kleinen Rundgang durch den Garten. Zuerst wird das Gewächshaus geöffnet und ich verschaffe mir einen Überblick: Was muss heute gegossen werden? Welche Pflanzen sind erntereif? Gibt es irgendwo Schneckenfraß oder eine überraschende Blüte, die ich gestern noch nicht entdeckt habe?
Dann heißt es, die anfallenden Arbeiten im Gemüse- und Färbergarten zu erledigen, bevor die Sonne zu hoch steigt und die Temperaturen unangenehm werden. Hier ein paar Bohnen ernten, dort verblühte Blütenstände abschneiden, Pflanzen stützen, Beete pflegen oder schnell noch etwas aussäen. Es sind oft die vielen kleinen Arbeiten, die für sich genommen kaum ins Gewicht fallen und am Ende doch mehrere Stunden des Tages füllen.

Gegen Mittag beginnt die Erntezeit für viele Blüten. Ringelblumen, Färberkamille oder andere Pflanzen wollen zum richtigen Zeitpunkt geerntet und anschließend zum Trocknen ausgelegt werden. Gerade im Sommer vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht irgendwo Schalen und Körbe voller Blüten in der Küche verteile.
Dazu kommt die Verarbeitung der Gemüseernte. Es wird eingekocht, getrocknet, eingefroren oder für die nächsten Tage vorbereitet. Auch das gehört für mich ganz selbstverständlich zu einem naturnahen und kreativen Leben dazu.
Und am Abend wartet meist noch die letzte große Aufgabe des Tages: den gesamten Garten zu gießen.
Wenn ich diese Zeilen so schreibe, frage ich mich fast, wo ich eigentlich die Zeit für all die Dinge unterbringen wollte, die ich im Sommer gerne schaffen würde.
All diese Arbeiten machen mir große Freude. Ich empfinde sie nicht als Belastung und habe auch nicht das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden. Im Gegenteil: Viele dieser Tätigkeiten vermisse ich sogar in den Wintermonaten. Sie gehören einfach zum Sommer dazu.
Und vielleicht liegt genau darin der Denkfehler. Denn obwohl meine Tage prall gefüllt sind, habe ich am Ende oft das Gefühl, bei Wildfarbendesign nicht genug geschafft zu haben.
Warum mein Standardprogramm im Sommer nicht funktioniert
Was mich jedes Jahr aufs Neue überrascht: Ich nehme mir für den Sommer gar nicht besonders viel vor. Keine großen Projekte und keine unrealistischen Ziele. Eigentlich wünsche ich mir nur, meinen ganz normalen Rhythmus beizubehalten.
Zwei Blogartikel im Monat schreiben, regelmäßig einen Newsletter verschicken und hin und wieder ein neues Produkt für den Shop weben und einstellen. Dinge also, die in anderen Jahreszeiten durchaus realistisch sind.
Und trotzdem gerät genau dieser Rhythmus im Sommer ins Wanken.
Vielleicht liegt die Antwort ganz einfach darin, dass der Sommer sich nicht an meinen Jahresplan hält. Während ich versuche, meine kreativen Projekte gleichmäßig über das Jahr zu verteilen, arbeitet die Natur längst nach ihrem eigenen Rhythmus.
Pflanzen warten nicht bis zum Herbst darauf, geerntet zu werden, Blüten lassen sich nicht verschieben, nur weil noch ein Blogartikel geschrieben werden möchte, und der Garten interessiert sich herzlich wenig für meinen Redaktionsplan.
Der Sommer ist Arbeit – nur eben andere Arbeit
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass der Sommer bei mir vermutlich die arbeitsintensivste und gleichzeitig die am wenigsten sichtbare Jahreszeit ist.
Viele der Arbeiten, die jetzt anfallen, lassen sich nicht verschieben. Sie sind an die Jahreszeit gebunden und genau deshalb so wertvoll. Im November werde ich keine Ringelblumen mehr ernten und im Januar muss ich keine Tomaten einkochen.
Wenn ich abends müde auf dem Sofa sitze, dann nicht deshalb, weil ich nichts getan habe, sondern weil ich den ganzen Tag beschäftigt war. Nur eben nicht mit den Dingen, die später im Shop oder auf dem Blog sichtbar werden.
Der Sommer ist für mich keine kreative Pause. Er ist einfach eine andere Art von kreativer Arbeit.
Mein kreatives Jahr
Wenn ich mir mein kreatives Jahr anschaue, erkenne ich inzwischen einen ziemlich klaren Rhythmus.
Im Frühjahr liebe ich es, mich kreativ herauszufordern. In den vergangenen Jahren war es häufig die 100-Tage-Challenge, die mir neue Impulse geschenkt und mich dazu gebracht hat, Techniken auszuprobieren, die ich sonst vielleicht nie begonnen hätte.

Der Sommer gehört dem Garten. Er schenkt mir Farben, Materialien, Erfahrungen und unzählige kleine Beobachtungen, die später oft ganz selbstverständlich in meine Arbeit einfließen.
Im Herbst wird es langsam ruhiger. Die Tage werden kürzer und ich freue mich jedes Jahr aufs Neue darauf, wieder mehr Zeit in meiner Werkstatt zu verbringen.
Und im Winter genieße ich die stillen Stunden ganz besonders. Dann wird gesponnen, gewebt, gefärbt, geschrieben und geplant. Viele meiner Produkte entstehen genau in dieser Zeit.
Eigentlich ist das alles wenig überraschend. Wildfarbendesign ist schließlich eng mit der Natur und den Jahreszeiten verbunden. Warum sollte mein kreativer Rhythmus also anders funktionieren als der meines Färbergartens?
Und plötzlich musste ich an mein Wort des Jahres denken
Zu Beginn dieses Jahres habe ich mein Wort des Jahres gewählt: Einklang. Darüber habe ich damals bereits in einem eigenen Werkstattgedanken geschrieben.
Einklang mit der Natur. Mit dem Material. Mit meinem kreativen Weg. Aber vor allem auch mit mir selbst.
Genau das hatte ich mir für dieses Jahr vorgenommen.
Und plötzlich kam mir beim Schreiben dieses Artikels ein unbequemer Gedanke.
Wenn ich den Sommer damit verbringe, im Garten zu arbeiten, Blüten zu ernten, Pflanzen zu beobachten, Saatgut zu gewinnen und all die kleinen Arbeiten zu erledigen, die genau jetzt anfallen – bin ich dann nicht eigentlich genau dort angekommen?
Lebe ich nicht genau das, was ich mir für dieses Jahr gewünscht habe?
Warum also fühlt es sich manchmal trotzdem so an, als würde ich nicht genug schaffen?
Vielleicht liegt die Antwort gar nicht im Sommer. Vielleicht liegt sie in meinem eigenen Anspruch.
In dem kleinen Teil von mir, der Produktivität immer noch an fertigen Blogartikeln, neuen Shopprodukten oder einer abgehakten To-do-Liste misst.
Dabei hatte ich mir doch etwas ganz anderes vorgenommen.
Nicht mehr leisten.
Sondern mehr im Einklang leben.
Vielleicht erinnert mich der Sommer gerade daran, was dieses Wort wirklich bedeutet.
Mein Sommer darf anders aussehen
Bestimmt werde ich mich auch im nächsten Sommer wieder wundern, warum ich so wenig Blogartikel geschrieben und noch keine neuen Produkte für den Shop eingestellt habe. Wahrscheinlich werde ich morgens wieder als Erstes ins Gewächshaus gehen, mittags Blüten ernten und abends den Garten gießen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Der Sommer muss bei mir gar nicht so aussehen wie der Rest des Jahres. Er darf einfach Sommer sein.
Ich muss ihn nicht produktiver gestalten oder noch besser planen. Vielleicht muss ich nur akzeptieren, dass er andere Aufgaben für mich bereithält als der Herbst oder der Winter.
Denn wenn ich ehrlich bin, ist der Sommer für mich kein Kreativloch. Er ist die Jahreszeit, in der Wildfarbendesign seine Wurzeln stärkt – auch wenn man das von außen manchmal gar nicht sieht.
Mich würde sehr interessieren, wie du den Sommer erlebst. Kennst du dieses gefühlte Sommerloch auch oder hat deine Kreativität vielleicht einen ganz eigenen Jahresrhythmus? Ich freue mich, wenn du mir davon erzählst – als Kommentar unter dem Artikel oder einfach per Nachricht. Vielleicht stellen wir gemeinsam fest, dass manche Jahreszeiten nicht zum Produzieren da sind, sondern zum Sammeln, Wachsen und Reifen.
