Mit etwas Abstand zu den ersten Tagen meines textilen Praxisprojekts hat sich mein Blick auf das Arbeiten am Webrahmen bereits verändert. Die anfängliche Vorstellung, wie dieses Projekt verlaufen könnte, tritt langsam in den Hintergrund. Stattdessen entsteht ein ruhiger Arbeitsrhythmus, der sich nicht planen lässt, sondern sich Tag für Tag entwickelt.
Ich beginne meine Arbeit oft ohne klare Vorstellung davon, wie das fertige Stück aussehen wird. Ideen entstehen während des Webens, verändern sich, werden verworfen oder weitergeführt. Genau darin liegt im Moment die eigentliche Qualität dieses Projekts.
Vom Ausprobieren und Verstehen
Nach meinem ersten gewebten Wandbehang, der ein sehr aufwändiges Muster hatte, habe ich begonnen, mich kleineren Formaten zuzuwenden. Zwei schmale Webstücke sind dabei entstanden, gedacht als Lesezeichen.
Ausgangspunkt war der Versuch, ein Karomuster zu entwickeln. Im ersten Anlauf blieb die Struktur eher zurückhaltend. Das Muster war angelegt, aber nicht deutlich sichtbar. Erst im zweiten Versuch wurde klar, woran es lag. Damit sich ein Karomuster zeigt, müssen Kette und Schuss in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.

Ich habe daraufhin die Anzahl der Kettfäden auf derselben Breite deutlich erhöht. Das Muster trat klarer hervor, gleichzeitig wurde das Arbeiten dichter und konzentrierter. Die vielen Kettfäden auf engem Raum erfordern eine andere Form der Aufmerksamkeit.
Beide Varianten haben ihren eigenen Charakter. Die offenere Struktur des ersten Versuchs und die dichtere, klarere Oberfläche des zweiten. Es sind genau diese Unterschiede, die mich dazu bringen, weiter mit solchen Verhältnissen zu experimentieren.

Dem Prozess folgen
Während ich noch mit diesen kleinen Arbeiten beschäftigt war, kam eine neue Idee auf. Und ich habe sie nicht zurückgestellt.
Dieses Projekt lebt davon, keinen festen Plan zu verfolgen, sondern dem nachzugehen, was sich im Arbeiten zeigt. So habe ich begonnen, mit einer für mich neuen Technik zu experimentieren, dem Weben mit verschlungenen Schussfäden.
Dabei wird jeder Schuss doppelt geführt, wodurch zweifarbige Flächen entstehen, die sich je nach Führung der Fäden unterschiedlich entwickeln. Die Möglichkeiten sind vielfältig und reichen von klaren Streifen bis hin zu weicheren, fast organischen Formen.
In dieser Technik sind bereits mehrere kleine Wandbehänge entstanden. Einer mit wechselnden Streifen, einer mit einer klaren Mittelteilung und kleinen, unregelmäßigen Farbwechseln und ein weiterer, dessen Form sich eher rund entwickelt und an einen Halbmond erinnert.

Alle diese Arbeiten entstehen weiterhin auf demselben kleinen Schulwebrahmen. Inzwischen wächst daraus eine kleine Sammlung an unserer Wand. Unterschiedliche Stücke, alle aus Wolle, alle in einem ähnlichen Maß, und doch jedes mit eigener Struktur. In der Zusammenstellung entsteht eine ruhige, stimmige Wirkung, die mir sehr gefällt.
Zwischen Anspruch und Gelassenheit
Was mich in den letzten Tagen besonders überrascht hat, ist, wie leicht mir die tägliche Arbeit an diesem Projekt fällt. Ich freue mich darauf, mich an den Webrahmen zu setzen, arbeite so lange, wie es sich gut anfühlt, und lege das Stück dann wieder zur Seite.
Es entsteht kein Druck, etwas fertigstellen zu müssen. Gleichzeitig gibt es viele Ideen, die sich nach und nach entwickeln dürfen.
Und doch taucht immer wieder mein eigener Anspruch auf. Ränder verlaufen nicht so gerade, wie ich es mir wünschen würde, Aufhängungen funktionieren nicht sofort wie gedacht, und manchmal bleiben Markierungen sichtbar.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit nicht im Material oder in der Technik, sondern in meinem eigenen Blick auf die Arbeit. Was bedeutet Perfektion in einem handgewebten Stück, das aus handgesponnener Wolle entsteht und sich im Prozess entwickelt?
Die kleinen Unregelmäßigkeiten, die mich zunächst stören, sind gleichzeitig das, was diese Arbeiten ausmacht. Sie entstehen dort, wo ich nicht vollständig kontrolliere, sondern auf das Material reagiere. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich entscheidet, ob aus diesen Experimenten mehr werden kann.
Wenn ich beginne, sie nicht nur als Übung zu sehen, sondern als eigenständige Arbeiten, stellt sich unweigerlich die Frage, welchen Maßstab ich anlege. Ob ich versuche, eine Form von Perfektion zu erreichen, die eher aus der Vorstellung industrieller Gleichmäßigkeit kommt, oder ob ich zulasse, dass Stimmigkeit, Material und Prozess den Ton angeben.
Ich weiß noch nicht, wohin mich das führt. Aber im Moment scheint es wichtiger zu sein, diese Frage offen zu halten, als sie vorschnell zu beantworten.
Lernen im Tun
Auch meine Arbeitsweise hat sich durch das tägliche Arbeiten verändert. Sie ist ruhiger geworden, gelassener.
Wenn sich das Material anders verhält als erwartet, versuche ich nicht mehr, dagegen anzukämpfen, sondern zu verstehen, woran es liegt. Diese Beobachtungen fließen in die nächsten Versuche ein.
Bisher würde ich nicht sagen, dass etwas nicht funktioniert hat. Vieles entwickelt sich anders als ursprünglich gedacht, aber genau das ist Teil dieses Projekts. Es geht darum, zu experimentieren, zu spielen und auch unerwartete Ergebnisse anzunehmen. Nicht immer einfach, aber eine bewusste Entscheidung.
Ein neuer Rahmen
Als nächstes möchte ich das Format verändern. Statt des rechteckigen Webrahmens plane ich, mit einem runden Rahmen zu arbeiten.
Dafür möchte ich einen Rahmen aus Weidenzweigen aus unserem eigenen Garten fertigen. Ein anderes Material, eine andere Form, ein neuer Ausgangspunkt.

Ich bin gespannt, wie sich diese Veränderung auf meine Arbeit auswirkt und welche Strukturen daraus entstehen.
Das Projekt weiter begleiten
Das Projekt entwickelt sich weiter, Schritt für Schritt, ohne festen Plan. Im Moment interessiert mich vor allem, wohin mich die neuen Techniken und Formate führen werden.
Wenn du diesen Weg ein Stück begleiten möchtest, findest du auf Instagram regelmäßig Einblicke in meine Arbeit am Webrahmen. Hier im Blog halte ich in größeren Abständen inne und schreibe ausführlicher über das, was sich verändert, was bleibt und was neu entsteht.
Und auch im Newsletter teile ich Gedanken aus meinem Arbeitsalltag, zwischen Garn, Pflanzenfarben und neuen Ideen.
Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Projekt. Dass es nicht nur fertige Stücke hervorbringt, sondern eine Entwicklung sichtbar macht, die sonst oft im Verborgenen bleibt.
