Wolle färben mit Tagetesblüten. Schritt für Schritt zu Gelb und Grün

Wolle mit Pflanzen zu färben wirkt auf den ersten Blick oft kompliziert. Viele Schritte, spezielle Begriffe, Unsicherheit bei Temperaturen und Mengen. In der Praxis ist der Einstieg jedoch deutlich einfacher, als es häufig erscheint.

In diesem Artikel nehme ich dich Schritt für Schritt mit durch einen kompletten Färbeprozess mit Tagetes. Vom Beizen der Wolle über das Ansetzen des Farbsuds bis hin zur Farbmodifikation mit Eisen ist jeder Arbeitsschritt dokumentiert und mit Fotos begleitet. Der Fokus liegt dabei nicht auf Perfektion, sondern auf Nachvollziehbarkeit und praktischem Ausprobieren.

Der Färbeversuch zeigt, wie unkompliziert sich mit einer einzigen Pflanze verschiedene Farbtöne erzielen lassen und wie spannend die Verwendung bereits farbiger Wolle ist. Gleichzeitig ist dieser Beitrag Teil einer fortlaufenden Reihe, in der ich verschiedene Färberpflanzen aus meinem Garten teste und miteinander vergleiche.

Wenn du neugierig auf Pflanzenfärbung bist, aber bisher gezögert hast, ist dieser Artikel als Einladung gedacht. Fang einfach an, Schritt für Schritt.

Warum Tagetes, warum jetzt

Ich mag Tagetes als Gartenpflanze nicht besonders. Für mich gehört sie zu den Pflanzen, deren Geruch man entweder liebt oder meidet. Ich gehöre klar zur zweiten Gruppe. Dieser intensive, fast aufdringliche Duft verstärkt sich noch einmal deutlich, sobald die Blüten verarbeitet werden. Eigentlich ist das kein guter Ausgangspunkt für eine Färbepflanze, mit der man gerne arbeitet.

Und doch baue ich Tagetes seit einigen Jahren immer wieder an. Nicht aus Zuneigung, sondern aus Neugier auf ihre Farbe. Über die Zeit hat sich so ein beachtlicher Vorrat getrockneter Blüten angesammelt, der nun darauf wartete, endlich sinnvoll eingesetzt zu werden.

Dieser Färbeversuch war deshalb auch eine kleine Standortbestimmung. Ich wollte wissen, wie sich Tagetes auf handgesponnener Wolle verhält, wie stabil und differenziert die Farben ausfallen und ob sich der Aufwand für mich lohnt. Das Ergebnis sollte mir helfen zu entscheiden, ob die Tagetes auch in Zukunft einen festen Platz in meinem Färbergarten haben wird, oder ob sie dort eher aus Gewohnheit steht als aus Überzeugung.

Bevor ich also mit Topf, Beize und Farbsud beginne, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Pflanze selbst. Denn unabhängig davon, wie man ihren Geruch empfindet, gehört die Färbertagetes zu den klassischen und erstaunlich ergiebigen Färbepflanzen. Wer mit ihr arbeitet, sollte wissen, woher ihre Farbwirkung kommt und welche Eigenschaften sie mitbringt. Genau dieses Wissen bildet die Grundlage für den folgenden Färbeversuch.

Färbertagetes. Die Pflanze hinter der Farbe

Die Färbertagetes (Tagetes erecta) gehört zur Familie der Korbblütler und ist eine einjährige, wärmeliebende Pflanze mit auffallend großen Blüten in Gelb- und Orangetönen. Ursprünglich stammt sie aus Mexiko und Mittelamerika, heute ist sie weltweit als Zier- und Nutzpflanze verbreitet.

Für die Pflanzenfärbung werden die Blüten verwendet. Sie enthalten hohe Mengen der Carotinoide Lutein und Zeaxanthin, die für die intensive gelb-orange Farbwirkung verantwortlich sind. Diese Farbstoffe sind vergleichsweise stabil und liefern bereits bei moderatem Pflanzenmaterial eine gute Farbausbeute.

Auf Wolle und Seide entstehen mit Alaunbeize klare, warme Gelbtöne, die von Zitronengelb bis Orange reichen können. Durch Eisen lassen sich diese Farben deutlich verändern und in gedämpfte Grün- und Olivtöne verschieben. Genau diese Eigenschaft macht die Färbertagetes interessant für experimentelle Ansätze und Farbvariationen.

Neben ihrer färberischen Nutzung hat die Färbertagetes eine lange kulturelle Geschichte. Schon präkolumbische Kulturen nutzten sie als Ritual- und Farbpflanze, später fand sie auch in Europa Verbreitung. Heute werden ihre Farbstoffe industriell eingesetzt, etwa als natürliche Pigmente in Lebensmitteln oder Tierfutter.

👉 Den vollständigen, ausführliche Eintrag zur Färbertagetes mit Botanik, Färbeeigenschaften und historischer Einordnung findest du in meinem Färberpflanzen-Lexikon.

Ausgangsmaterial und Vorbereitung

Für diesen Färbeversuch habe ich ausschließlich mit handgesponnener Wolle gearbeitet. Insgesamt waren es 100 Gramm, aufgeteilt in vier Stränge zu je etwa 25 Gramm. Drei der Stränge bestanden aus Eiderwolle, ein Strang aus hellgrauer Norwegerwolle. Diese Kombination war bewusst gewählt, um zu beobachten, wie sich derselbe Farbsud auf unterschiedliche Wollqualitäten und Grundfarben auswirkt.

Alle Stränge habe ich vor dem Beizen gründlich angefeuchtet, damit sich Beize und später auch die Farbstoffe gleichmäßig in der Faser verteilen können. Parallel dazu habe ich die Beizlösung vorbereitet, um die Wolle ohne Zeitverzug weiterverarbeiten zu können.

Beizen mit Alaun

Ich habe die Wolle mit Alaun gebeizt und dafür insgesamt 16 Gramm verwendet. Zunächst habe ich das Alaun mit heißem Wasser übergossen und vollständig aufgelöst. Anschließend habe ich die Beizflotte auf etwa zweieinhalb Liter aufgefüllt.

Die zuvor angefeuchteten Wollstränge habe ich in die Beizflotte gelegt und langsam erhitzt. Die Temperatur lag bei etwa 90 Grad. Auf dieser Temperatur habe ich die Wolle eine Stunde lang gehalten und nur gelegentlich bewegt, um eine gleichmäßige Beizung zu erreichen, ohne die handgesponnenen Garne zu stark zu beanspruchen.

Nach dem Beizen habe ich die Stränge aus dem Topf genommen und lediglich leicht ausgedrückt. Ein Ausspülen war zu diesem Zeitpunkt nicht nötig, da die Wolle direkt in den Farbsud überführt wurde.

Auf den Fotos lässt sich gut erkennen, wie die Wolle im Beizbad liegt und wie sich die Fasern im nassen Zustand verhalten. Gerade bei handgesponnener Wolle ist eine ruhige Temperaturführung für mich ein zentraler Bestandteil des Prozesses.

Der Farbsud aus Tagetes

Für den Farbsud habe ich getrocknete Tagetesblüten im Verhältnis eins zu eins zum Wollgewicht verwendet. Auf 100 Gramm Wolle kamen also 100 Gramm getrocknete Blüten. Ich habe die Blüten vorab grob zerkleinert und mehrere Stunden in Wasser eingeweicht, damit sich die Farbstoffe besser lösen können.

Anschließend habe ich die eingeweichten Blüten für etwa eine Stunde gekocht. Schon währenddessen entwickelte sich ein intensiv gelb gefärbter Sud, der deutlich zeigte, wie farbkräftig die Färbertagetes ist. Nach dem Kochen habe ich den Sud durch ein Tuch abgeseiht, um Pflanzenreste zu entfernen und ein möglichst klares Farbbad zu erhalten.

Der so gewonnene Farbsud bildete die Grundlage für den nächsten Schritt, das eigentliche Färben der Wolle.

Färben im Tagetessud

Nach dem Beizen habe ich die Wollstränge leicht ausgedrückt und direkt in den vorbereiteten Tagetessud gelegt. Die Wolle war zu diesem Zeitpunkt noch feucht, was ein gleichmäßiges Eindringen der Farbstoffe unterstützt.

Ich habe das Farbbad erneut erhitzt und die Wolle darin für etwa eine Stunde ziehen lassen. Die Temperatur lag im gleichen Bereich wie beim Beizen, ohne starkes Kochen. Während dieser Zeit konnte ich gut beobachten, wie sich die Farbe langsam entwickelte und die Fasern den gelben Ton annahmen.

Schon im Farbbad zeigten sich Unterschiede zwischen den Wollqualitäten. Die Eiderwolle nahm die Farbe klar und warm auf, während der hellgraue Norwegerstrang den Gelbton leicht veränderte und gedämpfter wirkte. Diese Unterschiede waren einer der Gründe, warum ich bewusst mit verschiedenen Garnen gearbeitet habe.

Farbmodifikation mit Eisen

Nach dem Färben im Tagetessud habe ich alle Wollstränge aus dem Farbbad genommen. Bevor ich mit der Eisenmodifikation begonnen habe, habe ich die Stränge ausgespült, um überschüssigen Farbstoff zu entfernen und ein klareres Ergebnis zu erhalten.

Anschließend habe ich dem verbliebenen Farbbad drei Gramm Eisensulfat zugegeben. Schon beim Einrühren war zu sehen, wie sich der Farbton des Bades veränderte und in eine deutlich gedämpftere, grünliche Richtung kippte.

Für den Eisenversuch habe ich mich bewusst nur für einen der Eiderwollstränge entschieden. Diesen habe ich erneut in das Farbbad gelegt und für etwa 15 Minuten erhitzt. Die Farbveränderung setzte schnell ein und entwickelte sich zu einem dunklen, satten Grünton.

Das Foto zeigt diesen Moment sehr eindrücklich, da sich der Farbwechsel im Bad beinahe unmittelbar beobachten lässt. Für mich ist dieser Schritt immer wieder faszinierend, weil er verdeutlicht, wie stark Beize und Nachbehandlung den Charakter einer Farbe verändern können.

Spülen, Trocknen und Farbstand

Nach dem Färben habe ich alle Wollstränge mit lauwarmem Wasser ausgespült, bis sich kein Farbstoff mehr aus der Wolle gelöst hat und das Wasser klar blieb. Anschließend habe ich die Stränge locker ausgewrungen und zum Trocknen aufgehängt.

Erst nach dem vollständigen Trocknen zeigte sich die endgültige Farbwirkung. Auf der Eiderwolle entwickelte sich ein warmer, klarer Gelbton mit angenehmer Tiefe. Der Strang aus hellgrauer Norwegerwolle nahm einen grünlich gelben Farbton an, der deutlich kühler wirkte und den Einfluss der Ausgangsfarbe gut erkennen ließ.

Der Eiderwollstrang, der zusätzlich mit Eisen behandelt wurde, färbte sich zu einem dunklen, satten Grün. Die Eisenbeize veränderte den ursprünglichen Gelbton deutlich und verlieh der Farbe eine gedämpfte, erdige Tiefe.

Die Unterschiede zwischen den Wollqualitäten und Behandlungen sind im getrockneten Zustand klar sichtbar und lassen sich gut miteinander vergleichen. Sie zeigen, wie vielseitig Tagetes als Färbepflanze eingesetzt werden kann, auch mit einfachen Mitteln.

Fazit und Ausblick

Die Färbung mit Tagetes hat mich in mehreren Punkten überzeugt. Ich mag die warmen Gelbtöne ebenso wie das intensive Grün, das sich durch die Eisenmodifikation entwickeln lässt. Besonders angenehm empfinde ich die unkomplizierte Verarbeitung. Die Farbausbeute ist hoch, der Prozess gut kontrollierbar und zuverlässig, gerade auf Wolle.

Trotzdem ist diese Färbung für mich noch keine endgültige Entscheidung. In meinem Garten wachsen weitere Färberpflanzen, die mich ebenso interessieren. In den kommenden Wochen möchte ich unter anderem mit Schwefelkosmee und Mädchenauge färben und die Ergebnisse miteinander vergleichen. Erst danach werde ich entscheiden, ob die Färbertagetes auch in Zukunft einen festen Platz in meinem Färbergarten haben wird.

Über diese weiteren Färbeversuche werde ich hier im Blog ausführlich berichten. Wer tiefer in die Pflanzen selbst eintauchen möchte, findet im Färberlexikon die ausführlichen Einträge zu den einzelnen Färberpflanzen mit botanischem Hintergrund, Färbeeigenschaften und historischer Einordnung.

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Und wie immer freue ich mich sehr über deine Gedanken zu diesem Färbeversuch. Hinterlasse mir gern einen Kommentar, teile deine eigenen Erfahrungen mit Tagetes oder erzähle, mit welchen Pflanzen du aktuell färbst.

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